Eine aktuelle Bestandsaufnahme: 25 Jahre Echterdinger Farbentauben

1983 erfolgte die offizielle Anerkennung der Echterdinger Farbentauben als 12. süddeutsche Farbentaubenrasse durch den Bundeszuchtausschuss. Nachdem sie nun im vergangenen Jahr ein Vierteljahrhundert Standardehren innehatte, ist es an der Zeit, Rückschau zu halten und Bilanz zu ziehen.
Mit ihren 25 Jahren auf dem Buckel gehört sie zu den absoluten Jünglingen innerhalb der Rassetaubenszene – zumindest unter den Farbentauben. Und dennoch hat sie bereits einige Hoch- und Tiefpunkte hinter sich. Dieses ständige Auf und Ab ist wohl charakteristisch für neue Rassen. Bedauerlicherweise befindet sich die Echterdinger Farbentaube gerade in einem solchen Tief, wie es der wirtschaftlichen Lage entspricht – oder anders ausgedrückt: So ernüchternd sah es noch nie um sie aus!

Das hätten sich ihre Erzüchter, Walter von der Dell, Albert Weinmann und Gerhard Maßl wohl nicht träumen lassen, als sie sich in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an die Sache machten, um die Echterdinger Farbentaube züchterisch aus der Taufe zu heben. Viel Mühen und Fleiß wurden aufgebracht, um die Rasse bekannt zu machen und sie zu verbreiten. Die Unterstützung durch den zuständigen Sonderverein war von Anfang an gegeben, sodass es eigentlich stetig bergauf gehen hätte sollen. In diesen Anfangsjahren und gleich nach der Anerkennung war es dann fast die Regel, dass die Ausstellungen auf den Fildern, jenem Landstrich, in dem Echterdingen liegt, fast immer mit Echterdinger Farbentauben aufwarten konnten und die Lokalausstellungen in Echterdingen zu einem wahren Fest der Heimatrasse wurden. Das ist aber lange her. Glücklicherweise haben sich heute mit Philipp Beck und Holger Luick, beide aus Echterdingen, zwei solche Lokalpatrioten gefunden, die ihnen die Treue halten.

Auch im Norden hat sich ein Zuchtzentrum mit Erwin Neumann aus Ganderkesee, Richard Hansen aus Tornesch und vor allem Karl-August Bahr von der Insel Fehmarn gebildet, wovon leider heute nur noch letzterer seine Tiere bei Ausstellungen präsentiert. Es hätte also alles bestens laufen können. Und ich kann mich noch erinnern, als anlässlich eines SV-Jubiläums in Bernhausen eine schier unendlich lange Reihe schwarzer Echterdinger Farbentauben präsentierte. Es war eine richtige Pracht, diese Tiere zu sehen und viele Züchter und Interessenten blieben vor ihnen stehen. In den letzten Jahren waren wir froh, wenn selbst bei Hauptsonderschauen die Rasse überhaupt vertreten war und kommen 10 Tiere zusammen, so sind wir schon zufrieden.

 

Die Rasse tut sich schwer!

Es stellt sich also die Frage, was passiert ist, dass die Rasse eine solche Entwicklung genommen hat. Um ehrlich zu sein, kann ich es nicht beantworten. Es kann meines Erachtens nicht an einer fehlenden Attraktivität fehlen und auch in Bezug auf die Zuchtfreudigkeit gehören die Echterdinger Farbentauben mit zu den zuverlässigsten Farbentaubenrassen überhaupt. Ja, selbst die auf den ersten Blick vielleicht kompliziert wirkende Zeichnung vererbt in einem gewissen Spielraum sehr konstant. Vielleicht liegt es am erhöhten Putzaufwand, den der Züchter auf jeden Fall aufbringen muss, will er eine Kollektion bei einer Ausstellung präsentieren. Ehrlich gesagt, glaube ich aber auch das nicht; denn sonst müssten vergleichbare Rassen das gleiche Randdasein genießen, was ja beileibe nicht zutrifft.

 

Ich glaube vielmehr, dass die Ursachen bereits in der Rassenentstehung zu suchen sind. Es wurde wohl zu früh auf absolut korrekte Zeichnung geachtet und dabei der richtige Farbentaubentyp zu sehr in den Hintergrund gerückt. Auch wurde meines Erachtens mit dem Komorner Tümmler, Feleghyhazaer Tümmler waren damals im Grund noch unbekannt, nicht die richtige Ausgangsrasse gewählt. Aus diesem Grund sieht man auch heute noch viele Tiere, die eine Schnabel-Stirn-Oberkopflinie zeigen, die eben nicht so richtig in den Farbentaubenhabitus passt. Große Bemühungen norddeutscher Züchter haben hier zwar einen Typwandel eingeleitet, doch wurde mit der Anerkennung eines weiteren Farbenschlages eben nicht die breite Basis erreicht, die zur endgültigen Vervollkommnung und Festigung nötig gewesen wäre. Auch wenn man mir diese Sätze vorhalten mag, so bin ich doch davon überzeugt. Es bringt nämlich niemand, am wenigsten der Rasse, hier falsche Tatsachen darzulegen.

 

Faszinierende Zeichnung

In Perfektion sind Echterdinger Farbentauben faszinierende Rassetauben, wozu mit Sicherheit die Ganselzeichnung wesentlich beiträgt. Nicht umsonst sind nahezu gleich gezeichnete Rassen, vorwiegend aus der Tümmlergruppe, sehr beliebt.

Farbig ist die Haube, der Hinterhals, das Schulterherz, die Brust und das gesamte Schwanzgefieder inklusive Schwanzdecke und Keil. Der Rest, wozu vor allem auch der eingelegte Latz gehört, ist weiß. Die Hauptprobleme ergeben sich heute zumeist aus der Latz- und Herzgröße.

Das Herz ist gerne etwas schmal oder so überzeichnet, dass der Flügel fast farbig erscheint. Man könnte dann beinahe meinen, dass es sich um gedeckte Tiere handelt. In Ausgleichspaarung können solche Tiere durchaus zur Zucht verwendet werden, wenn sie den richtigen Typ zeigen.

 

Die wesentlich größeren Probleme ergeben sich aber bezüglich der Latzzeichnung. Der Standard fordert ihn im Idealfall bis in Höhe des Flügelbugs, was bei der Rasseentstehung aus heutiger Sicht vielleicht etwas zu euphorisch gesehen wurde. Albert Weinmann, einer der Erzüchter, sagte mir wiederholt, dass ihm ein Latz wie beim Süddeutschen Mohrenkopf, also bis zur Mitte des Halses, lieber gewesen wäre. Dies verwarf man aber wieder, da wie gesagt, der größere Latz einfach attraktiver aussieht. Damit wurden natürlich noch mehr Schwierigkeiten „eingebaut“, die vor allem in Bezug auf die Haubenhöhe und den Sitz der Rosetten nicht so förderlich sind. Ist nämlich der Latz schön groß, müssen die Rosetten etwas tiefer im Sitz sein, um sie farbig zu erhalten. Das gleiche Phänomen kennen wir auch von den Süddeutschen Latztauben, Württemberger Mohrenköpfen und den Thüringer Weißlätzen. Da wir Züchter Süddeutscher Farbentauben den Kopfpunkten und hier namentlich der Haube große Aufmerksamkeit schenken, hat man sich in der Realität mit einem etwas kleineren Latz arrangiert – sofern die Haube und der Typ stimmen!

In der Nachzucht fallen immer wieder Tiere an, die im Latz zu klein sind oder aber der Latz so groß ist, dass er die farbige Brustzeichnung durchstößt, der Latz also „offen“ erscheint. Beide, obwohl keine Ausstellungstiere, können in der Zucht wertvolle Dienste leisten. Vor allem die „offenen“ Tiere sind die Garanten, dass angepaart an korrekt gezeichnete Tiere, die Latzzeichnung nicht zu klein wird. Während nämlich bei anderen mir bekannten Rassen, das Weiß die Tendenz hat, sich auszudehnen, ist dies bei den „Echterdingern“ gerade anders herum – der Latz wird immer kleiner!

 

Ebenfalls gibt es hin und wieder Probleme mit der Keilfarbe und hier im speziellen mit dem Keilansatz. Es besteht wohl ein enger Zusammenhang zwischen Latzgröße und Keilfarbe. Verweise sind hier zu den Wiener Ganseln oder gar den Genter Kröpfern, Dominikaner, angebracht. Dieses Manko ist aber zu überwinden, wie die Feleghyhazaer Tümmler bewiesen haben. Dort bekam man das Problem aber auch nur mit großen Züchterzahlen in den Griff. Da wir bedauerlicherweise diese bei den Echterdinger Farbentauben nicht haben, appelliere ich eindringlich, bei großem Latz und gutem Typ hier noch Nachsicht walten zu lassen.

 

Typfestigung auf breiter Ebene!

Es ist eigentlich nicht üblich, dass bei einer Farbentaubenrasse über den Typ gesprochen werden muss. Aufgrund des langen Entstehungszeitraumes ist er so gefestigt, dass er einfach da ist – sofern er nicht durch Einkreuzungen anderer Rassen „zerstört“ wurde. Bei den Echterdinger Farbentauben müssen wir dies aber unbedingt tun, um sie endlich als „richtige“ Farbentaube zu etablieren. Sie dürfen, nein, sie müssen im Grund von anderen süddeutschen Rassen nur durch die Zeichnung zu unterscheiden sein. Dabei beziehen sich die Typprobleme keinesfalls auf die Figur. Denn die kräftige, veredelte Feldtaubengestalt ist gefestigt. Hin und wieder dürfte lediglich die Brustpartie etwas gerundeter erscheinen.

Das Problem war und ist das Kopfprofil samt Schnabellänge und –einbau. Wir waren schon einmal der Ansicht, dass wir dieses Problem überwunden oder zumindest in starker Bearbeitung haben. Doch scheint die Ursprungsrasse, der Komorner Tümmler, und sein Kopfprofil ungemein vererbungsstark zu sein. Auch wenn es vielleicht hart ist. Wir kommen nur weiter, wenn wir hier hart durchgreifen und solche Tiere nicht in die Zucht nehmen – und sind sie noch so schön gezeichnet!

Wie soll nun das Kopfprofil sein? Voraussetzung ist ein gut mittellanger Schnabel, der auf keinen Fall senkend zur Stirn eingebaut sein darf. Diese soll in einem harmonischen Anstieg zum relativ flachen Oberkopf hin ansteigen. Vor allem dem Oberkopf muss man Beachtung schenken. Wird dieser zu rund, stimmen die Stirnwölbung und damit der Schnabeleinbau nicht. Dass in einem solchen Fall die Haube zudem fast zur Bedeutungslosigkeit verkommt, möchte ich nur am Rand erwähnen. Um hier eine zweifelsfreie Beurteilung vornehmen zu können, empfiehlt es sich, das Tier in die Hand zu nehmen und die Haube mir einem Finger wegzudrücken. Mit etwas Übung hat man hier sehr schnell das Auge geschult und ein typisches Kopfprofil wird sofort erkannt. Auch kann es sinnvoll sein, eventuell ein Paar anderer gehaubter Süddeutscher Farbentauben mitfliegen zu lassen, um auch hier vergleichen zu können. Es versteht sich aber von selbst, dass natürlich auch diese hierin ganz fein sein sollten.

 

Die Schnabelfarbe ist durch das weiße Kopfgefieder hell – ein leichter Blutschnabel, der unter Umständen von Schmalzkielen herrührt, ist natürlich auch in Ordnung und verhilft zu noch mehr Ausstrahlung. Dazu gehört auch der feine Augenrand, der im Idealfall leuchtend rot ist und das dunkle Auge gleichmäßig umschließt. Bitte aber die Randfärbung nicht zum alleinigen Kriterium zu machen. Lieber ein nur leicht rötlicher Rand, diesen aber schön fein, als ein breiter roter.

 

Rundhaube muss sein!

Für die Erzüchter war von vorne herein klar, dass die neue Rasse „Echterdinger Farbentaube“ auf jeden Fall eine Rundhaube mit Rosetten aufweisen sollte. Man kommt deshalb nicht umhin, diesem Merkmal besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Grundvoraussetzung für die Note „sehr gut“ sind Rosetten, die im Zentrum auf gleicher Höhe sitzen und dass sich am Hinterhals ein deutlicher Haubenkamm ausbildet. Auf diesen korrekten Haubenaufbau müssen die Züchter sehr achten, da er die Grundlage für eine volle Haube darstellt. Die Rosetten an sich dürften manchmal zentrierter und feiner sein. Wie bereits erwähnt, werden sie selten so fein wie bei einer Süddeutschen Schildtaube sein – vielmehr gehen sie in Richtung Süddeutsche Latztaube. Aber auch auf diesem Niveau muss auf die typische Chrysanthemenform der Rosette geachtet werden.

Beim Putzen der Haube sollte man so vorgehen, dass sie frei stehend bleibt und keinesfalls nach vorne kippt. Mit etwas Gespür und Übung stellt dies aber keine Schwierigkeit dar.

 

Zwei Farbenschläge anerkannt

1983 wurde nur der schwarze Farbenschlag anerkannt. Es ist verständlich, dass die Züchter das attraktive Zeichnungsbild auch in den anderen, zumindest Hauptfarbenschlägen blau, rot und gelb wollten. Mehrere Züchter setzten also alles daran, um diese Farbenschläge zu erzüchten- Zur Anerkennung sind aber 2001 nur die Roten gekommen. Die Gelben und Blauen, die es schon gab, haben diese Hürde nicht geschafft. Ob man angesichts der Züchterzahl dieses anstreben sollte, möchte ich verneinen. Denn das Problem gestaltet sich, leider nicht nur bei Echterdinger Farbentauben, doch so, dass der Interessentenkreis an dieser Rasse begrenzt ist und durch neue Farbenschläge nur unwesentlich, wenn überhaupt, vergrößert wird. Vielmehr findet eine Zerstückelung des Vorhandenen statt. Bedauerlicherweise muss man heute davon berichten, dass das Aufkommen der Roten den Aufwärtstrend der Schwarzen abgebremst hat. Nun haben wir aber zwei sehr schöne Farbenschläge, die unsere Aufmerksamkeit benötigen und vor allem Züchter brauchen.

 

Farblich sind an beide übliche Farbentaubenforderungen zu stellen. Das heißt intensiv und lackreich. Die Schwarzen haben diesbezüglich kaum einmal Probleme und präsentieren sich auch schon mit recht üppigem Lack. Dass es damit zuweilen Schwierigkeiten mit der satten Durchfärbung der Schwanzfedern gibt, ist dem eingeweihten Züchter und Preisrichter bekannt. Hier gilt es also abzuwägen.

Die Roten sind in der Farbe schön gleichmäßig, wenngleich sie hin und wieder etwas satter sein dürften. Sie haben ja nicht das Problem der farbigen Bindenfeder, sodass man hier keine Befürchtungen zu haben braucht.

 

Rasse am Scheideweg!

Ich glaube, dass dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein dürfte, dass die Echterdinger Farbentauben derzeit an einem Scheideweg stehen. Soll sie auch für lange Zukunft unsere Ausstellungen bereichern – und das wäre mehr als wünschenswert – müssen neue Züchter dazu stoßen, die sie als Erstrasse in größerem Umfang züchten und ihre ganze Energie in sie stecken. Nur dann ist es auch möglich, Tiere abzugeben und damit eine flächigere Verbreitung zu erlangen. Dazu zählt mit Sicherheit auch ein regelmäßiger Austausch von Zuchttieren. Ganz nach dem Motto: Es geht nicht um persönlichen Erfolg, sondern um den Erfolg der Rasse! Glücklicherweise sind die derzeitigen aktiven Züchter dazu bereit.

Schade ist nur, dass sie nicht gerade zu den ausstellungsfreudigsten gehören. Gewollt wird aber nur, was gekannt und gesehen wird. Aus diesem Grund würde ich mir wünschen, dass die Züchter hier verstärkt tätig werden.

Ergänzend dazu ist mit Sicherheit auch die Tatsache zu sehen, dass unsere Sonderrichter die Rasse fördernd behandeln und das zuchtstandsbezogene Bewerten durchaus gewährleistet ist. Eine gute Bewertung kann nämlich unter Umständen mehr für den Fortschritt tun, als ein ständiges Niederhalten. Nicht umsonst heißt es ja: Nach dem Zuchtstand vorzüglich!

Wie sie sehen, lohnt es sich, züchterisch mit Echterdinger Farbentauben zu beschäftigen. Ich denke, dass man mit sechs bis acht Paaren durchaus in der Lage ist, genügend ausstellungsfähige Nachzucht zu rekrutieren. Unterstützung von Seiten des Sondervereins und gestandener Züchter ist wohl ebenfalls kein Problem, sodass es doch mit Sicherheit eine dankenswerte Aufgabe wäre, die Rasse zu unterstützen.

 

Wilhelm Bauer

 

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Autor: admin
Datum: Donnerstag, 3. März 2011 16:58
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