Neu entstanden wie “Phönix aus der Asche”: Süddeutsche Schnippen

Strahlend weiß mit kontrastreichen Farbklecksen. So oder so ähnlich könnte man die Schnippenrassen beschreiben. Innerhalb der Farbentaubengruppe gibt es drei Rassen mit dem gleichen Zeichnungsbild – Thüringer, Sächsische oder Süddeutsche Schnippe. Die stärkste beziehungsweise größte Verbreitung haben die schlichtesten aller Schnippenrassen gefunden – die Thüringer Schnippe – glattfüßig und glattköpfig. Die Sächsische Schnippe, die Rasse mit dem meisten “Zierrat” (glattköpfig oder mit Rundhaube, aber immer mit dichter und üppiger Fußbefiederung), hat wohl die geringste Verbreitung. Es ist wohl nicht jedermanns Sache, solche stark belatschten Rassen, dazu noch in Weiß, zu halten und zu züchten.
Doch soll sich diese Abhandlung mit den Süddeutschen Schnippen befassen. Waren sie früher sehr selten, man musste zeitweise sogar mit dem Verschwinden einzelner Farbenschläge rechnen, erscheinen sie derzeit zahlenmäßig wahrhaftig wie “Phönix aus der Asche”. Ein Verdienst, der den Züchtern aber auch dem zuständigen Sonderverein angerechnet werden muss. Beide haben in Zusammenarbeit mit den Preis- und Sonderrichtern diesen Aufstieg erst ermöglicht. Ein Beweis aber auch für die Möglichkeiten züchterischen Schaffens, wenn sich einige Idealisten zusammentun und gemeinsam zum Ziel kommen wollen. Wie so oft wurde hier bewiesen, dass nur die Gemeinschaft etwas auf breiter Ebene erreichen kann und Egoismus und “Alleinvertretungs-Ansprüche” früher oder später zum Scheitern führen.
Körperliche Feinheiten machen die Rasse!

Wie bei kaum einer anderen Rassetaubenrasse bringt der hohe Weißanteil der Schnippenrassen die Figur oder Form besonders zur Geltung. Wie ein zarter Schleier legen sich die weißen Federn über den Körper und strahlen für den Betrachter nahezu Unberührtheit aus. Im Gegensatz zu den Thüringer Schnippen, die zum Teil schon recht groß und ich möchte schon sagen für Farbentauben zeitweilig untypisch waren, haben sich die Süddeutschen Schnippen ihren Feldtaubencharakter ohne Zweifel erhalten. Meiner Ansicht nach haben sie sich in den Spitzenzuchten zu den körperlich feinsten süddeutschen Farbentauben entwickelt. Eine Gesamterscheinung mit höchsten Ansprüchen an Harmonie und Eleganz, so kann man die Süddeutschen Schnippen wohl am besten beschreiben. Dies gilt uneingeschränkt, auch wenn der Standard eine kräftige und trotzdem elegante Feldtaubenform verlangt. Kräftig und elegant schließt sich also keinesfalls aus – wie man bei manchen Züchtergesprächen zu erfahren scheint. Auch hat Eleganz nichts mit kleinen Tauben beziehungsweise -körpern zu tun.
In der Gesamterscheinung sind die Schwarzen am ausgeglichensten. Die eher seltenen Blauen und Blaufahlen bewegen sich am oberen Größenrahmen, was wir im Auge behalten sollten. Ein Erbe ihrer Ahnen. Die Roten sind im Aufwind. Deshalb scheinen sie in den Proportionen auch noch nicht so einheitlich. Vielmehr sind verschiedene Zuchtrichtungen erkennbar. Der derzeit wohl seltenste Farbenschlag gelb liegt figürlich in etwa mit den Roten auf einer Linie. Man sollte aber durch übertriebene Formforderungen diesen beiden Farbenschlägen die endlich wohl stattfindende Aufwärtsentwicklung nicht verbauen.
Als Glanzpunkte kann man getrost die Kopfpunkte der Süddeutschen Schnippen ansehen. Mit ausdrucksstarken Kopfpunkten steht und fällt die Attraktivität und Rassigkeit dieser Rasse. Die dunklen Augen, die glänzend aus dem weißen Kopfgefieder strahlen, werden idealerweise von einem zarten, roten Augenrand umgeben, was Vitalität ausstrahlt. Besonderer Wert ist dabei auf die Zartheit des Randes zu legen. Breite Ränder, die zum Teil auch noch ungleichmäßig sind, werden dieser Rasse nicht gerecht und sind dementsprechend bei der Bewertung zu vermerken. Rote Augenränder sollte man bei den Schwarzen, Roten und Gelben schon verlangen. Obwohl es ungleich schwieriger ist, bei den Blauen und Blaufahlen dasselbe zu erreichen, weisen die Spitzentiere in diesen Farbenschlägen dieses Attribut ebenfalls auf. Die Zeichnung am Kopf, also die Schnippe hat direkten Einfluss auf die Schnabelfarbe, so dass die Süddeutschen Schnippen Halbschnäbler sind, das heißt, dass der Oberschnabel eine andere Färbung besitzt als der Unterschnabel – zumindest bei den dunklen Farbenschlägen. Bei Schwarzen und Blauen ist der Oberschnabel im Idealfall bis in den Schnabelwinkel schwarz gefärbt, und dies, ohne dass die Schnabelwarzen farblich beeinträchtigt sind. Bei den Blaufahlen ist zumeist nur der Schnabelfirst etwas dunkelhornfarbig angelaufen. Eine gleichmäßige Oberschnabelfärbung ist bei diesem Farbenschlag nicht vorhanden. Die Roten und Gelben sind sowohl im Ober- als auch Unterschnabel schön hell und ohne Pigmentflecken. Ein kleiner Ansatz zum “Blutschnabel” wirkt schön und sollte nicht gestraft werden. Dass ein pigmentierter Unterschnabel bei den drei erstgenannten Farbenschlägen ein grober Fehler ist, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Die Kopfform selbst ist ohne jegliche Extreme, wenngleich ein harmonischer Stirnanstieg viel zur Ausstrahlung der Süddeutschen Schnippe beiträgt.
Die Rundhaube – Zierde der Süddeutschen Schnippe

Wie bei nahezu allen süddeutschen Farbentauben zeigen auch die Süddeutschen Schnippen eine Rundhaube mit seitlichem Rosettenschluss. Dabei handelt es sich um chrysanthemenförmig angeordnete Federn mit deutlicher Rosettenmitte, die sich idealerweise in Ohrenhöhe befindet, um eine genügende Kopfbreite erscheinen zu lassen. Sitzen die Rosetten in Ohrenhöhe, dann ist auch der Standardforderung nach einer hochsitzenden Rundhaube genüge getan. Im Hinblick auf die zweite Forderung des Standards im Hinblick auf die Rundhaube, ist der Züchter und Aussteller gefragt. Nämlich nach einer freistehenden Rundhaube. Nur zu gerne kommt man in Versuchung, beim Putzen der Tiere etwas schnell voranzugehen und unter Umständen auch etwas reichlich Kopffedern zu entfernen. Damit verliert das Haubenfutter dann seinen Halt und “fällt” nach vorne. Das Ergebnis ist dann eine untypische Haubenform, die man beim Bewerten rigoros bestrafen sollte. Denn was bei einer Nürnberger Schwalbe eine absolute Forderung ist, entstellt eine süddeutsche Farbentaube.
In Punkto Haubenform und -fülle kann man heute bei den Süddeutschen Schnippen recht hohe Ansprüche stellen. Tiere mit versetzten, auslaufenden oder ungleichen Rosetten dürfen heute nicht mehr zur Ausstellung gebracht werden, will man sich keine tiefen Noten einfangen. Die Hauben mit Rosetten haben heute bei den Schnippen einen Hochstand erreicht, und hier gerade bei den Schwarzen, dass man zuweilen aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.
Die Feder

Wie schon gesagt, wirkt das Gefieder der Süddeutschen Schnippe durch den hohen Weißanteil recht fein und strahlend. Der Züchter muss also schon bei der Haltung dafür sorgen, dass das Gefieder durch regelmäßiges Baden auch schön weiß bleibt. Nichts wirkt abstoßender als Schnippen, die wie mit einem gelben Hauch überzogen erscheinen. Schmalzkiele sind heute bei den Lackfarbigen Schnippen die Regel. Garantieren sie doch, oder sollte man besser sagen, sie unterstützen die satte Färbung der Zeichnungsmerkmale. Grundsätzlich sollte man darauf achten, dass das Gefieder straff ist und vor allem die Halsfeder schön glatt. Man kann ermessen, dass gerade das Gefieder dieser Rasse bei der Bewertung eine nicht unerhebliche Rolle spielt.
Schlicht und dennoch interessant – die Zeichnung

Die Zeichnung der Süddeutschen Schnippe bezieht sich auf zwei Federbezirke, und zwar den Vorkopf und das Schwanzgefieder. Fangen wir zuerst mit dem einfacheren Teil an. Das gesamte Schwanzgefieder, also inklusive der Schwanzdecke und dem Keil sind farbig. Auf eine gerade Begrenzung auf der Schwanzdecke und am After ist dabei besonderer Wert zu legen.
Etwas diffiziler ist die eigentliche Schnippenzeichnung. Hierbei erstreckt sich von den Schnabelwarzen an aufwärts ein idealerweise birnenförmiger Farbfleck – die Schnippe. Vor allem ist darauf zu achten, dass die Schnippe schön schmal angesetzt ist und auf keinen Fall aufsitzt. Das ist dann der Fall, wenn die Schnippe am Ansatz so breit ist, dass sie bis zum Schnabelwinkel reicht. In der Höhe sollte sie so weit gehen, dass sie im Seitenprofil betrachtet, nicht über die obere Augenmitte hinausreicht. Ebenfalls ist ein Heranreichen an den Augenrand grob fehlerhaft. Ob nun eine Nuance größer oder kleiner, sollte bei der Beurteilung der Schnippe zweitrangig sein. Vor allem ist auf eine harmonische Form zu schauen. In der Reihenfolge der Verbreitung der einzelnen Farbenschläge, kann man auch die Forderungen nach einer typischen Schnippenform definieren, so dass man nicht durch übertriebene Forderungen die “keimende Pflanze – Süddeutsche Schnippe” gleich erstickt.
Die Farbenschläge und ihre Forderungen

Der schwarze Farbenschlag ist der verbreitetste. Hier ist auch der Kontrast zwischen Grund- und Zeichnungsfarbe am intensivsten. Möglichst glanzreich und satt wünscht man sich das Schwarz. Neben dem Schwanzgefieder muss auch die Schnippe deutlich Lack zeigen. Auf eine genügende Durchfärbung des Schwanzgefieders ist zu achten – Schilf heute nicht mehr zu tolerieren. Als Parameter hat sich bewährt, das Schwanzgefieder auf doppelte Breite zu öffnen. Ist dann kein Schilf zu sehen, sollten wir nicht weiter suchen. Alles in allem sind die Schwarzen so ausgeglichen wie noch nie. Bei aller Begeisterung dürfen wir aber nicht übersehen, dass man auf die Form achten muss, um sich nicht die gleichen Probleme wie die schwarzen Süddeutschen Mohrenköpfe einzufangen.
Die Roten haben wohl den größten Sprung nach vorne gemacht. Besonderes Augenmerk sollte man auf eine satte Schnippenfarbe (ohne den verpönten Saum) und eine möglichst gleichmäßige Schwanzfarbe legen. Hier sind wir durch eine einfühlsame Bewertung schon viel weiter gekommen. Auch in den Figuren können sie mit den besten Schwarzen ohne Schwierigkeiten mithalten.
Leider haben die Gelben vom Aufschwung der Roten nicht profitieren können. Sie stehen auch in den Kopfpunkten und vor allem der Farbe deutlich hintenan. Die bisher gezeigten Anfänge, überwiegend aus der Zucht des jungen Alexander Zinell, waren zwar schon vielversprechend, doch fehlt einfach eine größere Züchterschar für diesen schlichten Farbenschlag.
Die Blauen sind zwar nicht gerade häufig, doch können wir mit den gezeigten Tieren mehr als zufrieden sein. Die Farbe wünschen wir uns möglichst hell und gleichmäßig. Dabei spielt auch die Keil- und Schwanzdeckenfarbe eine nicht unerhebliche Rolle. Die hellen Außenfahnen der Ortfedern sind bei blauen Tauben normal und deshalb zu tolerieren. Die dunkle Schwanzbinde muss sich über alle Schwanzfedern ausbreiten und begrenzt sein. Nur Einzeltiere zeigen einen hellen Schwanzabschluss nach der -binde, wie er bei den Thüringer Schnippen die Regel ist. Hier darf man nicht zuviel auf einmal verlangen. Die Zuchtbasis ist klein und damit sind auch qualitative Fortschritte nur nach und nach zu erreichen. Die Züchter sind auf dem richtigen Weg, so dass man alles daransetzen sollte, sie in ihrem Tun zu bestärken. Viel problematischer finde ich die zum Teil recht großen Körper mit sehr langen Hinterpartien. Hier müssen wir aufpassen, damit uns die Sache nicht aus dem Ruder läuft.
Das gleiche gilt für die Blaufahlen,. Einem Farbenschlag, der erst mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Westen auftritt. War ich am Anfang voller Begeisterung für die immens glatte Feder, so hat sich doch Ernüchterung breit gemacht. Hier reichen die heute gezeigten Tiere nicht an die ersten heran. Auch in der Ausprägung der Haube müssen sie wieder deutlich zulegen. Farblich sind sie in Ordnung, bringen aber meines Erachtens keinen zusätzlichen Effekt in Verbindung mit der Schnippenzeichnung. Sind wir gespannt, ob sie sich auch in Zukunft in der Züchtergunst behaupten können.
Engagierte Züchter sind gefragt!

Bei aller Schlichtheit sollte man jedoch nicht übersehen, dass die züchterische Vollkommenheit auch bei dieser Rasse nur über sehr viel Geduld und Können erlangt werden kann. Wer diese Grundvoraussetzungen mitbringt, kann in der Zucht der Süddeutschen Schnippe durchaus seine Erfüllung finden. Zumal die Rasse ohne Zweifel im anhaltenden Trend zur Natürlichkeit liegt.
Aus einer Laune heraus sollte man sich allerdings nicht für diese Rasse entscheiden. Dazu ist sie ganz einfach zu schade. Dem engagierten Zuchtfreund, der gerne auch noch der heute raren Jungzüchterschar angehören darf, kann man sie aber durchaus empfehlen.

Wilhelm Bauer

Tags »

Autor: admin
Datum: Mittwoch, 2. März 2011 16:44
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Fachartikel Schnippen

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Kommentare und Pings geschlossen.

Keine weiteren Kommentare möglich.