Die Württemberger Mohrenköpfe

Während im ersten Teil meiner Abhandlung die weitverbreiteten Süddeutschen Mohrenköpfe zu ihrem Recht kamen, sollen hier nun absolute Raritäten der Rassetaubenzucht im Mittelpunkt stehen, und zwar die Württemberger Mohrenköpfe.
Aufgrund der rustikal anmutenden Namensgebung könnte man der Meinung sein, dass es sich bei dieser Rasse um eine sehr alte handelt, doch weit gefehlt. Wenngleich auch dies nicht so ganz stimmt. Zum einen ist die großlatzige Zeichnung in Verbindung mit der Schnippe bereits früh beschrieben worden, zum andern waren die heutigen Württemberger Mohrenköpfe immer im Standard der übrigen Süddeutschen Mohrenköpfe aufgeführt und somit zum Schattendasein verurteilt.
Nach langem hin und her wurde dann 1978 für die schnippige Variante ein eigener Standard aufgestellt – und erst seit dem firmiert diese Rasse unter dem Namen Württemberger Mohrenkopf. Bis dato waren sie als “Schnippenmohren” ein Begriff.
Das Ziel, dass dieser Standardneufassung zugrunde gelegt war, nämlich der züchterische Aufschwung dieser Rasse, wurde wenn wir ehrlich sind, nicht erreicht.
Es ging sogar soweit, dass fränkische Züchter sich darüber erbosten, dass württembergische Züchter aus ihrer Rasse eine schwäbische machen würden. Es ist nämlich richtig, dass der Schnippenmohr auch in Franken seit altersher gezüchtet wird. Namen wie Fritz Ehalt und Georg Fürsattel stehen als fränkische Züchter in enger Verbindung mit der Rasse.
Im Schwäbischen sind dies eben Karl Bohler und nicht zuletzt Albert Weinmann aus Echterdingen. Beide haben die Schnippenmohren bereits in zweiter Generation gezüchtet. Vor allem Albert Weinmann hat in den achtziger Jahren die Rasse zu einem nie zu ahnenden Hochstand geführt. Ihm war es vergönnt sogar ein Blaues Band auf diese Rasse zu erringen. Voraussetzung hierfür war und ist bei ihm die Möglichkeit Schnippenmohren in großem Umfang züchten zu können. Ich kenne es nur noch vom hören sagen, aber was die “Weinmannsche Zucht” früher bedeutete, muss alles in den Schatten gestellt haben. Mohrenköpfe in allen Varianten, dazu noch Süddeutsche Latztauben in Glattfüßig und Belatscht sowie viele seltene sächsische Farbentaubenrassen haben die Schläge bevölkert.
Für ihn waren und sind vor allem die seltenen Farbentauben ein wahrer Augenschmaus und das Erringen züchterischer Trophäen steht bei ihm im Hintergrund. Oft denke ich daran, wie er mir einmal sagte: “man muss sie nicht nur sehen, sondern auch hören”. Mit anderen Worten, nur an vitalen Tauben hat man auch seine Freude.
Neben den Schwarzen hat er es geschafft auch Rote und Gelbe in sehr guter Qualität herauszuzüchten. Hiervor gilt es züchterisch den Hut zu ziehen.

Trotz diesem Hochstand der Zucht und Anzeigen in verschiedenen Fachzeitschriften war es nicht möglich die Rasse auf eine breite Züchterbasis zu stellen. Man unterstellte sogar den Züchtern, dass sie das nicht einmal wollten, da sie kaum Zuchttiere hergaben.
Ich sehe das anders. Oftmals entscheiden sich Züchter für eine Rasse aus einem gefühlsmäßigen Überschwang heraus, ohne sich ernsthaft zu fragen, ob sie gewillt sind, eine Rasse zu züchten, bei der die ausstellungsfähige Ausbeute sehr niedrig, um nicht zu sagen fast gleich Null ist.
Wie oft wurden schon Tiere abgegeben, in der Hoffnung mit der Rasse weiter zu machen. Man hört dann meistens nichts mehr davon – und es kommt noch schlimmer. Wären diejenigen wenigstens so fair sich selbst einzugestehen, dass sie mit dieser Rasse nicht zurechtkommen und sie daher dem Züchter wieder zurückgeben, wird dieser es verstehen und sich freuen, dass die Zuchttiere wenigstens nicht verloren gegangen sind.
Doch meistens verschwinden dann wertvolle Zuchttiere in dunklen Kanälen um nicht zu sagen in der Küche.
Ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen, wie oft habe ich schon belatschte Süddeutsche Latztauben abgegeben und wo sind die doch alle hin – doch gesehen waren sie nicht mehr.Von den Schnippenmohren-Züchtern wurde immer wieder beklagt, dass die großlatzigen Tiere ohne Schnippe bei der Standardneufassung nicht mit anerkannt wurden. Die Gründe habe ich im ersten Teil der Abhandlung dargelegt. Nach langem intervenieren von Seiten des Sondervereins, mit dem Zuchtwart Heinz Schempp an der Spitze, war es dann im Jahr 1993 soweit. Der ehemalige Vorsitzende des BZA, Ernst Meckenstock, mahnte jedoch an, dass man doch auf die korrekte Süddeutsche Haubenausbildung, also mit Rosetten, achten sollte. Die Züchter und Preisrichter haben sich diese Vorgabe zu Herzen genommen und können schon erste recht erstaunliche Erfolge aufweißen.

Der Gesamteindruck

Im Gegensatz zu den Süddeutschen Mohrenköpfen scheinen die Württemberger Mohrenköpfe etwas tiefer zu stehen. Wahrscheinlich liegen wir dabei allerdings einer optischen Täuschung auf, den bedingt durch das Fußwerk und die Geierfedern wirkt die Taube wie auf “einem Sockel stehend. Die Fußbefiederung an sich darf auf keinen Fall so lang wie bei einer sächsischen Farbentaube sein, muss jedoch schön geschlossen und überbaut erscheinen. In dieser Hinsicht sollte man jedoch nicht kleinlich sein.
Der Kopf soll ebenfalls breit und mit einem harmonischen Stirnanstieg versehen sein. Das Auge würde ich dunkel fordern, wenngleich der Standard seit 1978 immer noch vorsieht, Tiere mit einem kleinen hellen Fleck “vorerst” nicht als Fehler behaftet zu bezeichnen. Ob diese Formulierung der Rasse dienlich ist, wage ich zu bezweifeln. Denn wer in seiner Zucht schon einmal Probleme im Hinblick auf Augenfehler zu verzeichnen hatte, weiß, wie schwer es ist, dieser “Seuche” wieder Herr zu werden.

Der Augenrand wird dunkel, der Gefiederfarbe angepasst, verlangt. Die Tiere ohne Schnippe sind hierin schon recht gut, doch dürfen noch nicht die Anforderungen wie bei den Süddeutschen Mohrenköpfen gestellt werden. Die Tiere mit Schnippe haben wir in punkto Augenrand schon besser gesehen. Man sollte jedoch so weit es geht, auch Tiere mit einem hellen Rand noch tolerieren um die -Züchter überhaupt bei der Stange zu halten.
Die Ober- und Unterschnabelfarbe ist bei den Schnippenmohren in Schwarz und Blau unterschiedlich. Der Oberschnabel muss hell und der Unterschnabel schwarz sein. Gerade die Oberschnabelfarbe bereitet hierin noch große Schwierigkeiten. Wie man aus alten Berichten entnehmen kann, war das aber schon früher so. Angelaufene Schnabelwarzen dürfen also keinesfalls als Fehler gewertet werden
Bei Roten und Gelben mit und ohne Schnippe ist der gesamte Schnabel hell. Daraus folgt, dass der Schnabel bei Schwarzen und Blauen ohne Schnippe dunkel bzw. schwarz ist.

Selbstverständlich muss auch den Württemberger Mohrenkopf eine Rundhaube mit Rosetten zieren. Man muss allerdings eingestehen, dass die Schnippenmohren die wohl dürftigsten Hauben, mit Ausnahme der Süddeutschen Weißschwänze, haben. Wenngleich die Haubenhöhe nicht das Manko ist, so sind sie im Rosettensitz doch noch weit zurück. Die Ursache ist wohl in der Latzgröße zu suchen. Im vorletzten Jahr habe ich in der Geflügel-Börse einen Bericht über Süddeutsche Latztauben veröffentlicht, in dem die Zusammenhänge zwischen Haubensitz und Latzgröße dargelegt werden.
Darin heißt es: “.. denn aufgrund der Forderung nach einem weißen Hinterhals und einer weißen Haube ist der Latzgröße eine genetische Grenze gesetzt. Erscheint der Latz schön groß und ausgerundet, neigt die Latzfarbe nur zu gern dazu, sich auch auf das Haubengefieder, und hier vor allem auf die Rosetten auszudehnen.”
Ist dies der Fall, kann man selbst mit dem vorsichtigsten Putzen nichts mehr retten.
Ich traute allerdings kaum meinen Augen, als ich beim “Altmeister” Albert Weinmann, für die Gemeinschaftsvoliere des Sondervereins, anlässlich der letzten VDT-Schau in Sindelfingen ein Paar schwarze Schnippenmohren holte. Während bei der Täubin alles im normalen Rahmen lag, war der Täuber überragend. In Ohrenhöhe sitzende Rosetten und dazu ein Latz, wie er größer nicht sein. Ja, so habe ich sie mir in meinen Träumen vorgestellt – die Schnippenmohren!
Dass es sich dabei um eine absolute Ausnahmetaube handelt, dürfte allerdings klar sein, muss uns aber auch erkennen lassen, dass wir nur zu gerne die genetische Grenze vorschieben.
Bei allem schwelgen an dieser Taube, dürfen wir jedoch nicht die Normalität aus den Augen verlieren. Zwei klar definierte Rosetten und einen in der Mitte sitzenden Haubenkamm sollte man aber schon fordern. Ob die Haube dann eine Idee höher oder tiefer sitzt, erachte ich als sekundär.

Die Zeichnung

Der große Latz soll sich nach Möglichkeit über das Kopfgefieder, den Vorderhals und die gesamt Brust bis zum Brustbein erstrecken. Am Brustbein ist ein gerader Latzabschluss das Ideal. So richtig zur Geltung kommt der Latz allerdings erst, wenn er auch genügend Breite hat, das heißt, dass der Latz bis an den Flügelbug gehen soll. Im Gegensatz zu den Süddeutschen Latztauben, die im Latz gerundeter erscheinen sollen.
Wie bei allen Mohrenköpfen muss auch das gesamte Schwanzgefieder farbig sein und bereitet diesbezüglich auch kaum Probleme. Damit wären die Württemberger Mohrenköpfe ohne Schnippe beschrieben. Doch als wahre züchterische “Krone” gilt es, wenn die Tiere noch eine weiße Schnippe besitzen. Hier lacht des Farbentaubenzüchters Herz. Ob die Schnippe nun etwas kleiner oder größer ist, ist dabei unwichtig. Ebenfalls sind an die Schnippe nicht die Forderungen wie beispielsweise bei Schnippentauben (birnenförmig!) zu stellen.

Die Zucht

Wenn einer glaubt, er könne die Württemberger Mohrenköpfe so im Nebenbei züchten, der irrt ganz gewaltig. Denn das Problem der Augenfehler ist noch nicht in allen Zuchten beseitigt, so dass man oft bis nach der Mauser zu warten hat, ehe man diesbezüglich die Reihen lichten kann. Als weiterer Knackpunkt muss die Schnippenzeichnung gesehen werden. Nur zu gern breitet sie sich wie ein Kopfband bei den Huhnschecken aus. Weiß gesprenkelte Köpfe sind die Folge. Diesem Manko kann nur entgegengewirkt werden, wenn immer wieder einmal ein Tier ohne Schnippe zur Zucht verwendet wird.
Als weiteres Problem sehe ich die Latzzeichnung, die sich von der weißen Grundfarbe laufend zurückdrängen lässt. “Kleine” Lätze sind die Folge und stören das Gesamtbild. Man kommt aber auch bei dieser Forderung wohl nicht umhin Zugeständnisse machen zu müssen.
In einigen Zuchten von Schnippenmohren ist jedoch schon aufgefallen, dass exakt gezeichnete Tiere, gerne etwas Afterweiß haben. Ist dieses zum Putzen, sollten wir uns darüber allerdings keine Gedanken machen.

Die Farbenschläge

Obwohl die Württemberger Mohrenköpfe in allen vier Grundfarben anerkannt sind, muss unser erstes Anliegen der Erhalt der schwarzen Schnippenmohren sein. Fallen in den einzelnen Zuchten andersfarbige Tiere, kann man ja versuchen hier weiter zu kommen. Ich jedenfalls stelle beim derzeitigen Verbreitungsgrad der Rasse, den Erhalt überhaupt in den Vordergrund. Profilierungsneurotiker waren und sind die Züchter von Württemberger Mohrenköpfen glücklicherweise nie gewesen.

Wie zeigen sich die schwarzen Schnippenmohren also heute. In der Schnippenzeichnung und der Latzgröße sind sie recht fein. Hauptprobleme liegen in der typischen Haubenausprägung, die oben beschriebene Ausnahmetaube einmal abgesehen, und in der Farbe. Dieses Problem scheint allerdings nur in einer Zucht zu bestehen. Da diese in den letzten Jahren jedoch fast ausschließlich bei den Ausstellungen erschienen ist, ist der Eindruck wahrscheinlich auch für Außenstehende entstanden. Hier muss entegegengesteuert werden. Zum Glück sind keine Tiere mehr mit Augenfehlern aufgetaucht, was als großer Erfolg gewertet werden kann.

Die Schwarzen ohne Schnippe sind erst seit kurzem bei den Ausstellungen zu sehen. In der Farbe sind sie sehr fein und auch in den Kopfpunkten geben sie den Ton an. Ich für meine Person, würde mir jedoch die Latzausprägung noch etwas größer wünschen. Wenn man allerdings weiß, wie klein die Ausbeute ausstellungsfähiger Jungtiere ist, bin ich mit dem erreichten derzeit schon sehr zufrieden.

Erstmalig sind bei der letzten Hauptsonderschau Württemberger Mohrenköpfe in Blau mit und ohne weiße Schnippe aufgetreten und waren eine echte Überraschung. In der Farbe gab es nichts auszusetzen und auch in der Zeichnung waren sie mit den Schwarzen ebenbürtig. Probleme bereitete die noch ungleichmäßige Haubenstruktur, die allerdings in den Griff zu bekommen ist. Es freute mich jedenfalls, diese Kostbarkeiten, die ich bisher nur von gemalten Bildern her kannte, einmal “in Natura” bewundern zu können.

Die Roten und Gelben mit und ohne weiße Schnippe sind beim Herauszüchter, Albert Weinmann, in guten Händen. Was in punkto Farbe und Kopfpunkte erreicht wurde, verdient die uneingeschränkte Anerkennung. Auch Augenfehler scheinen nicht mehr aufzutreten.
Wenn sie auch bei Großschauen nicht in Erscheinung treten, so haben wir im Ursprungsgebiet den Vorteil, diese Raritäten bei kleineren Schauen zu Gesicht zu bekommen, wofür wir sehr dankbar sind.

Trotz der Anerkennung der Tiere ohne Schnippe, muss der “echte Schnippenmohr” weiterhin unser oberstes Ziel sein und die aktiven Züchter sollten ihr Hauptaugenmerk auf diese einmalige Erscheinung der Taubenwelt legen.
Sollten sich trotz der immensen Zuchtschwierigkeiten Züchter finden, dieser Rasse zu einer weiteren Verbreitung zu verhelfen, können wir darüber froh sein. Denn Züchter von solchen Kostbarkeiten müssen “taubenverrückt” sein, denn sonst würden sie die jährlichen Mühen nicht auf sich nehmen um bei der Ausstellung wieder einmal “eine drauf zu bekommen.”

Württemberger Mohrenköpfe sind im wahrsten Sinn des Wortes echtes Kulturgut, hängen doch ihre Züchter an dieser Rasse meist mit einer ungeheuren Treue und Liebe. Wäre dies nicht der Fall, könnten sie die Enttäuschungen wohl auch nicht wegstecken. Ich jedenfalls blicke immer wieder etwas wehmütig in die Klasse der Neuanerkennungen, habe ich doch im Hinterkopf die Württemberger Mohrenköpfe, die als alte deutsche Rasse etwas im “Dornröschenschlaf” liegen. Aber wie in so vielen Fällen unserer Gesellschaft, hat nur dann etwas Aussicht auf Erfolg und Anerkennung, wenn es von weit her kommt.
Nachdem ich mit 14 Jahren meine ersten Württemberger Mohrenköpfe beim inzwischen verstorbenen Karl Bohler kaufte, musste ich ihm bei späteren Besuchen immer wieder versichern den “Württembergern” treu zu bleiben. “Du bist noch Jung, bitte verhindere, dass sie aussterben.” Diesem Versprechen bin ich bis heute treu geblieben, und ich hoffe, dass ich es noch lange kann. Denn neben den Württemberger Mohrenköpfen haben es auch die langjährigen Züchter verdient, dass ihre Mühen nicht umsonst waren.

Wilhelm Bauer

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Autor: admin
Datum: Mittwoch, 2. März 2011 16:31
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