“Paradepferd” im Reigen der süddeutschen Farbentauben: Die Süddeutschen Schildtauben

Wenn wir in der alten Fachliteratur nach den Schildtauben und den “Süddeutschen” im besonderen forschen, dann werden wir feststellen müssen, dass wir nur auf sehr spärliche Indizien stoßen werden. Die Schildtauben werden dort meistens in drei verschiedene Zuchtrichtungen unterschieden. Das sind zum einen die belatschten Schildtauben, unsere heutigen Sächsischen sowie die “Samtschilder” denen man aufgrund ihrer besonders lackreichen Schildfarbe eine extra Erwähnung zollte. Und zu guter letzt noch die glattfüßigen Schildtauben mit Rundhaube.

Ziemlich genau geht wieder einmal der gute alte Apotheker Bayer in seinem 1914 erschienen Werkchen “Die süddeutschen Farbentauben in Wort und Bild” ein. Er schreibt, dass die Schildtauben in Thüringen und Sachsen wohl nur belatscht vorkämen, die glattfüßigen und glattköpfigen in Franken. In Württemberg hingegen, wird die Taube bevorzugt gehaubt gezüchtet und hat den Namen “Dache”. Ein Beinamen, der auch heute noch sehr gerne von den älteren Züchtern für ihre Schildtauben genutzt wird.
So schön es auch ist, in alten Büchern zu suchen und über die Herkunft der einzelnen Rassen zu forschen, tut es nicht zur Sache sich damit unbegrenzt zu beschäftigen, denn die heutigen Züchter haben ein Anrecht darauf zu wissen, wie die Süddeutsche Schildtaube heute ist und gefordert wird.

Der Gesamteindruck

Nun ja, die Süddeutschen Schildtauben haben heute unbestritten den ersten Platz in der Beliebtheitsskala der süddeutschen Farbentauben und sind bei nahezu jeder Lokalschau, zumindest im Süden der Republik, zu finden. Doch sind die früher öfters zu sehenden Tiere mit schmalen Köpfen und dünnen Hauben kaum noch einmal zu sehen. Die Zucht hat sich weiterentwickelt und es wird heute schon alles verlangt, wenn man vorne mit von der Partie sein will.
Gefordert wird eine kräftige Feldtaubenform. Die Beine unbefiedert. Der Kopf wird von einer Rundhaube mit Rosetten geziert. Dies ist in Kurzform in etwa das Erscheinungsbild der Süddeutschen Schildtaube. Man würde allerdings schwer sündigen, wenn man es so stehen lassen würde.
Die kräftige Figur macht heute keine Schwierigkeiten. Schmale Tiere haben weder in der Zucht noch bei der Ausstellung etwas zu suchen. Zu achten ist jedoch auf ein Übel, das sich immer wieder einzuschleichen droht. Gemeint ist damit die Überlänge der Hinterpartien. Wir wollen keine “Schiffe”, wie sie allgemein im Züchterjargon genannt werden. Gefordert ist eine typische Körperlänge, die zum gesamten Aussehen der Schildtaube passt, jegliche Abweichung davon gilt es zu strafen.

Die Halsführung ist ebenfalls ein Punkt, der häufig Anlass zur Kritik ist. “Mittellang, die Kehle gut gerundet” beschreibt sie der Standard. Leider ist nichts von der Halsstärke geschrieben, denn hier wurde und wird leider etwas zuviel des Guten gezeigt. Die Halsstärke korreliert ziemlich stark mit der Forderung nach einem breiten Kopf und der dazu gehörenden breiten, hochsitzenden Rundhaube mit Rosetten. Ein sehr breiter Kopf kann nun einmal nicht auf einem schmalen Hals sitzen. Diese These soll jedoch nicht den Tieren mit den stärksten Hälsen Tür und Tor öffnen.

Es gilt hier ein gesundes Mittelmaß zu finden, um die Forderung nach einem breiten Kopf mit Rundhaube und einem nicht zu starken Hals zu verwirklichen. Der Kopf an sich ist bei vielen Schildtauben als nahezu vorzüglich einzustufen. Die Kopfbreite kann und soll bei den verbreitetsten Farbenschlägen nicht noch mehr gefördert werden, auch die Haubenhöhe ist sehr gut vorhanden. Wünsche gibt es hingegen noch in der deutlicheren Ausprägung der Rosetten in den Ausstellungskäfigen. Dies ist öfters ein Punkt, bei dem der amtierende Preisrichter ziemlich stark in Kritik geraten kann. Von außen keine sichtbare Rosette, in der Hand alles zum besten. Wer hat nun Recht, ist hier die Frage! Der Haubenkamm, ein Punkt der öfters über die Vergabe zur Höchstnote den Ausschlag gibt. Geschlossen wird er gefordert, sprich ohne die verpönte Kimme. Leider zeigen Tiere mit einer immensen Haubenhöhe auch gerne ein etwas loses Nackengefieder und damit auch ein etwas raues Halsgefieder oder grobe Halsführung. Hier ist wohl noch das Erbe vorgenommen Einkreuzungen zu suchen.

Hier gilt es die Vorzüge zu erhalten und die Nachteile durch konsequente Auslese zu verdrängen. Der Sonderverein und seine Sonderrichter wollen die Zeit nicht zurückdrehen und wieder Tiere mit kleinen schmalen Hauben; aber es gilt auch hier den Mittelweg zu finden, und das Tier mit der typischsten Haube und dem dazu passenden Hals nach vorne zu stellen. Denn es darf nicht soweit gehen, dass nur noch die Kopfpunkte als alleiniges Kriterium bei der Bewertung herangezogen wird, und der Rest der Taube übersehen wird. Eine Süddeutsche Schildtaube soll sich auch als solche präsentieren, und nicht als ein “fauchendes etwas” in der Käfigecke sitzen. Züchten wir elegante Schildtauben, mit typischen Kopfpunkten und feinen Farben, nur so kann die Devise der Zukunft lauten.
Die Augenfarbe ist grundsätzlich dunkel und wird von einem schmalen Augenrand umgeben. Dieser wird bei den Lackfarben rot verlangt, bei den verschiedenen Blaufärbungen immerhin rötlich. Bei den seltenen Fahlen muss hier noch etwas Toleranz geübt werden. Die Randbreite darf auf keinen Fall außer acht gelassen werden, schmal wird er gefordert und so soll er auch sein.
Die Kopfform an sich soll wie schon gesagt breit sein und eine schön ansteigende Stirn zeigen. Der Schnabel wird rein hellfleischfarbig verlangt. Die Beine stets glatt und unbefiedert.

Die Zeichnung

Schlicht gezeichnet ist sie, unsere Süddeutsche Schildtaube. Weiß ist die Grundfarbe einschließlich acht bis zehn Handschwingen. Farbig sind daraufhin die Flügelschilder mit den Daumenfedern (Klappen, Sträußchen).
Laut Standard sind zwei weiße Daumenfedern zu tolerieren. Hier ist man jedoch schon etwas weiter, denn in der Praxis sieht es so aus, dass mit Ausnahme der Fahlen und der Weißbindigen bzw. Weißgeschuppten, lediglich noch eine weiße Daumenfeder toleriert wird. Die Zucht hat Fortschritte gemacht, und das ist gut und richtig so.
Der Steg, das heißt eine farbige Brücke auf dem Oberrücken zwischen den Flügelschildern wird verpönt, und bei der Bewertung auch dementsprechend geahndet. Farbige Flanken und Hosen sind ebenfalls nicht erlaubt.
Die Schildzeichnung ist bei unseren Schildern mit acht bis zehn weißen Handschwingen richtig ausgelegt. Natürlich sind Wechselschwingen ein absolutes Tabu. Der Unterflügel soll selbstverständlich durchgefärbt sein.
Den zahlreichen Züchtern Süddeutscher Schildtauben sei an dieser Stelle einmal ein großes Lob gezollt, in dem sie bei den Ausstellungen nahezu keine Tiere mehr mit Zeichnungsfehlern vorstellen und damit zum einheitlicheren Bild der Schildtauben beitragen.

Die Farbenschläge

An Farbenschlägen sind die Süddeutschen Schildtauben sehr zahlreich anzutreffen. Ich möchte versuchen, die einzelnen Farbenschläge etwas ausführlicher zu behandeln, denn der Zuchtstand und die Verbreitung sind doch sehr unterschiedlich.

Beginnen wir mit den Schwarzen. Noch immer sind die Schwarzen das absolute Prachtstück im Stall der Süddeutschen Schildtauben. Obwohl man leider zugeben muss, dass sie sich schon ausgeglichener präsentiert haben. Die Kopfformen und Hauben geben kaum einmal Anlass zur Kritik. Auch farblich gesehen sind sie absolute spitze. Leider hat gerade dieser schöne kontrastreiche Farbenschlag mit den etwas groben Hälsen und den offenen Haubenkämmen zu kämpfen. Hier sind die Züchter gefragt, dies wieder in richtige Bahnen zu lenken. Auch wäre die typischere Haltung wieder verstärkt zu beachten. Trotz allem werden die Schwarzen Schilder zum Teil in Vollendung gezeigt. Das das so bleibt, sind Züchter und Preisrichter aufgerufen gemeinsam zum Wohl der Rasse zusammenzuarbeiten.

Die Roten und Gelben sind im Kommen. Noch vor Jahren wäre der nahezu kometenhafte Aufstieg der Gelben nicht vorherzusehen gewesen. Vom Typ und den Kopfpunkten gibt es kaum einmal etwas auszusetzen. Die richtige Schildfarbe wird immer Anlass zur Diskussion geben. Man will sie satt und gleichmäßig. Wenn man ein schönes helles gelb hat, bei dem auch die Armschwingen durchgefärbt sind, kann man nicht zu dem Schluss kommen, die Tiere wären pigmentarm, wie das schon passiert ist. Die öfters auftretenden Haarfedern im Bindenbereich können beim heutigen Hochstand der Gelben schon als Abstufungsgrund herangezogen werden. Mit demselben Problem haben die Roten zu kämpfen. Bei ihnen kommt dann noch die etwas stumpfe Farbe hinzu. Hier gilt es unbedingt auf ein leuchtenderes rot zu achten. Im Allgemeinen kann man jedoch mit den vorgenannten Farbenschlägen mehr als zufrieden sein. Anzumerken wäre noch, dass die Roten und Gelben aufgrund der etwas kürzeren Feder, die ihnen eigen ist nicht die Haubenfülle der Schwarzen haben.

Durch die Wiedervereinigung und den Anschluss der SZG seltene Farbentauben sind nunmehr auch die Weißbindigen und weißgeschuppten Farbenschläge der Süddeutschen Schildtauben in Schwarz, Rot, Gelb, Blau und Blaufahl anerkannt. Hier ist allerdings noch sehr viel Zuchtarbeit nötig, um sie wenigstens den Fahlen ebenbürtig zu machen. Hier gilt es noch mehr die Samthandschuhe anzuziehen und gezielt auch kleine Fortschritte zu belohnen. Hier darf man wirklich auf die Zukunft gespannt sein und warten ob sie die Aufnahme in Züchterkreisen finden.
Anzumerken gilt es noch, dass die Farbenschläge blau mit weißen Binden und blau-weißgeschuppt in Zukunft unterschieden werden, und zwar in die bisherigen Farbenschlagbezeichnungen (mit toy-stencil Faktor) und hellblau mit weißen Binden und hellblau-weißgeschuppt (mit opal Faktor). Hier wird nur einer genetischen Realität Rechnung getragen, wie sie bei den Strassern schon durchgeführt wurde. Diese Änderung hat jedoch nur Gültigkeit, wenn sie vom BZA genehmigt wird. Aufgrund der Gegebenheiten und der Erleichterungen, die die Züchter dieser Raritäten erfahren würden ist davon jedoch auszugehen.

Den Abschluss bildet ein Farbenschlag, von dem wohl niemand so richtig weiß was es sein soll: marmoriert. Blau-weißgeschuppt mit rostigen Einlagerungen beschreibt sie der Standard. Ist hier der Fehler eines Farbenschlages zur Tugend beziehungsweise Eigenständigkeit eines anderen geworden. Gezeigt worden sind sie allerdings bisher bei den Sonderschauen des Sondervereins noch nicht.

In der Zucht sind die Schildtauben sehr dankbare Genossen und auch vom Wesen her, sind sie nicht gerade als scheu einzustufen. Mit etwas Glück kann in der Schildtaubenzucht wohl jeder die ideale Erfüllung seiner Freizeit finden. Mit ihrer großen Farbenschlagpalette wird hier wohl auch jeder das Passende für sich finden.

Wilhelm Bauer

 

 

Tags »

Autor: admin
Datum: Mittwoch, 2. März 2011 16:06
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Fachartikel Schildtauben

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Kommentare und Pings geschlossen.

Keine weiteren Kommentare möglich.