Raritäten innerhalb der süddeutschen Farbentauben: Die Süddeutschen Weißschwänze

Süddeutsche Weißschwänze gehören nicht gerade zu den häufig gezüchteten Rassen innerhalb der großen Familie der süddeutschen Farbentauben. Dies scheint eigentlich unverständlich, stehen sie den übrigen Rassen doch im Hinblick auf die Farbenvielfalt und die Unkompliziertheit nicht nach. Nun ja, die Gründe scheinen in den nicht unerheblichen Zuchtschwierigkeiten dieser Rasse zu liegen, die schon manchen haben zweifeln lassen. Bis auf wenige Züchter, die den Weißschwänzen schon mehrere Jahrzehnte die Treue halten, kommen nur schwerlich neue, junge Zuchtfreunde zu dieser Rasse.

Früher galt man als echter Züchter wenn man eine Rasse hielt und diese konstant züchtete. Züchter mit einem ständig wechselnden Rassespektrum wurden als eher wankelmütig angesehen. Heute ist dies anders – es gilt als schick, man ist „in“, wenn man nahezu jährlich, überspitzt formuliert, die Rasse wechselt. Meist sind es dann Rassen, mit denen ein schneller Ausstellungserfolg erwartet wird, beziehungsweise Rassen, die sich in einem Aufwärtstrend befinden. Die Gründe hierfür sollen nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein, doch ist es wahr, dass die „Stammzüchter“ unserer einzelnen Rassetauben eher weniger werden und wir über eine recht große Anzahl von Züchtern verfügen, die dem großen Angebot der Rassetaubenpalette kaum standhalten können. Der potentielle Züchter muss, wie im Supermarkt, immer wieder Anreize für eine Rasse erhalten. Wenn er dann bei der Stange bleibt, kann man sich freuen.
Wie bereits angemerkt, gehören die Züchter Süddeutscher Weißschwänze eher zur ersteren, in heutigem Sinn vielleicht eher konservativeren Gruppe, doch sind wir darüber sehr froh. Sorgen sie doch für eine Kontinuität innerhalb der Rasse. Das soll nicht heißen, dass diese alte württembergische Rasse keine neuen beziehungsweise mehr Züchter bräuchte, doch wird nur derjenige bestehen, der bei der Sache bleibt und sich mit den Zuchtschwierigkeiten vertraut machen kann. Eine Rasse für den „Preisjäger“ sind die Süddeutschen Weißschwänze auf keinen Fall.

Süddeutsche Farbentauben par excellence

Im Erscheinungsbild verkörpern die Süddeutschen Weißschwänze geradezu die Schlichtheit und Eleganz einer süddeutschen Farbentaube. Das heißt, die Süddeutschen Weißschwänze zeigen die kräftige, dabei elegante Feldtaubenform und sind dazu glattfüßig. Vor allem bei schwarzen und kupferfarbigen Weißschwänzen sind die Beine im Nest und bei Jungtieren manchmal etwas dunkel angelaufen, ein Phänomen, das wir auch bei den schwarzgrundigen Startauben sehen können. Dies sollte man im Interesse einer satten Grundfarbe tolerieren. Stoppeln an den Füßen, die immer wieder vorkommen, entwerten jedoch den Weißschwanz. Sie sind ein Indiz dafür, dass die Süddeutschen Weißschwänze im vorigen Jahrhundert auch einmal mit einer kurzen Fußbefiederung bekannt waren, wie Apotheker Bayer in seinem heute vielbeachteten Werk anführt. Die Kopfpartie wird von einem harmonischen Stirnanstieg und einer möglichst vollen Rundhaube mit seitlichem Rosettenabschluss geprägt. Doch müssen wir bei der Haube etwas realisieren. Leider kommen die Süddeutschen Weißschwänze gerade in diesem Punkt, mit Ausnahme der Schwarzen, nicht so richtig nach vorne. Wo die Gründe zu suchen sind, ist nicht so klar zu sehen. Bei den Kupfernen liegt es wohl an der sehr kurzen Feder. Trotz aller Nachsicht, muss die Haube geordnet und mit deutlichen Rosetten versehen sein. Die Augen sind, je feuriger orangerot desto besser und von einem zarten, der Gefiederfarbe angepassten Augenrand umgeben. Die Schnabelfarbe ist mit Ausnahme der Roten und Gelben schwarz. Bedingt durch die Schnippe ist der Oberschnabel im Nest zumeist hell, was sich aber mit fortlaufendem Entwicklungsstand der Tiere verliert.

In der namensgebenden Zeichnung unterscheidet sich der Süddeutsche Weißschwanz nicht von seinen Pendants thüringerischer und sächsischer Herkunft. Anders sieht es hingegen mit den Farbentauben – Weißschwanzrassen des Auslandes aus. Neustädter, Berner, Zürcher, Thurgauer oder Österreichischer Weißschwanz sind mal mit farbigem, mal mit weißem Keil anzutreffen und zeigen keine Schnippe. Die deutschen Weißschwänze hingegen sind hier sehr einheitlich. Von ihnen verlangt man eine weiße Stirnschnippe und zwölf weiße Schwanzfedern wobei der Keil unbedingt farbig verlangt wird. Der Rest des Weißschwanzes muss mit Ausnahme von eventuell vorhandenen weißen Binden oder einer Schuppung farbig sein. Der Grundfarbe, und hier besonders der Intensität der Keilfärbung, kam schon immer eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Diese wird möglichst satt und glanzreich verlangt. Die Schnippengröße wird nur selten, um nicht zu sagen nie, an die der Farbenschnippen heranreichen. Eine satte Keilfarbe, die angestrebt wird, lässt dies nicht zu. Man ist in der Zucht immer auf einen Ausgleich zwischen Grundfarbe (besonders der Keilfarbe) und Schnippengröße bedacht. Werden die Schnippen zu groß, ist es mit der Keilfarbe zumeist nicht weit her, so dass man hier auf Ausgleich achten muss. Auch die Anzahl der weißen Schwanzfedern scheint im Zusammenhang mit der Grundfarbe zu stehen. Deshalb sind dem Kenner in der Weißschwanzzucht auf Dauer die Tiere am liebsten, die im Nest „nur“ elf weiße und eine melierte oder vollpigmentierte Schwanzfeder aufweisen. Hier kann der Züchter durch ausstellungsfördernde Maßnahmen eingreifen und alles ins Lot bringen. Gerade diese Tiere sind die Garanten für eine gute Grundfarbe über mehrere Zuchtjahre hinweg. Natürlich, und sie sind der Glückstreffer eines Weißschwanzzüchters, gibt es auch Weißschwänze mit bestechender Grundfarbe und idealer Weißschwanzzeichnung aus dem Nest, doch sind es eben Glückstreffer und nicht die Regel.
Trifft man als Preisrichter bei einer Ausstellung einmal auf ein Jungtier, das an einer Ortfeder noch ein klein wenig Pigment zeigt, dann sollte man dies tolerieren – bei der nächsten „Mauser“ wird es wohl vollends verschwinden.

Zahlreiche Farbenschläge sind bekannt

Recht zahlreich ist die Palette der anerkannten Farbenschläge. Der derzeit gültige Rassetaubenstandard nennt Schwarze, Schwarze mit weißen Binden oder Schwarz-Weißgeschuppt (mit oder ohne Finkenzeichnung), Blaue ohne, mit schwarzen oder weißen Binden, Blaugehämmerte und Blau-Weißgeschuppte, Rote und Gelbe mit oder ohne weiße Binden sowie Kupferfarbige und Marmorierte. Die Realität sieht hingegen anders aus. Aus diesem Grund werde ich auch nur diejenigen Farbenschläge beleuchten, die man derzeit zu Gesicht bekommt. Einige Farbenschläge existieren nicht und werden es wohl auch kaum einmal. Wie die Roten und Gelben mit weißen Binden in den Standard gerade der Süddeutschen Weißschwänze geraten sind, bleibt wohl ein Rätsel. Soll den süddeutschen Züchtern das gelingen, was den sächsischen Züchtern als Könnern der Zucht weißbindiger Farbentauben bei ihren Weißschwänzen versagt blieb? – bei allem Patriotismus, allein mir fehlt der Glaube.

Einen großen Schritt nach vorne haben in den letzten Jahren die Schwarzen gemacht. Vor allem im Hinblick auf die Kopfpunkte und die Haubenstärke ist hier geradezu Pionierarbeit geleistet worden. Vorgenommene Einkreuzungen haben den nötigen Schub gebracht. Die Ergebnisse konnten erstmals bei der Jubiläumshauptsonderschau im Januar 1997 bewundert werden. Wenn es jetzt gelingt, diese Fortschritte auf eine breitere Basis zu stellen und die Intensität der Grundfarbe wieder etwas zu steigern, sind wir am Ziel. Dass dies gelingt, bin ich mir sicher, da die Züchter Süddeutscher Weißschwänze über einen regen Zuchttieraustausch verfügen.
Die Schwarzen mit weißen Binden und Schwarz-Weißgeschuppten sind absolute Raritäten bei unseren Ausstellungen. Dass sie überhaupt hin und wieder gezeigt werden, freut die Kenner edler Farbentauben. Wie schwer ihre Zucht ist, weiß wohl nur derjenige zu ermessen, der sie einmal selbst gezüchtet hat. Für den amtierenden Preisrichter heißt das, dass man hier mit Samthandschuhen arbeiten sollte, um diese Farbenschläge überhaupt zu erhalten.

Bin ich bei meiner letzten Veröffentlichung über Süddeutsche Weißschwänze angegangen worden, ich wäre der „Totengräber“ der blauen Weißschwänze und man hätte alle Varietäten, so bin ich mit Ausnahme des nunmehr langjährigen Verfechters, Gerhard Vonderdell, keines besseren belehrt worden. Die Blauen mit weißen Binden sind der Hauptfarbenschlag und scheinen auch in der Qualität etwas zu kommen. Blaue ohne und mit schwarzen Binden sind gerade in der Züchterwerkstatt und erste Ergebnisse bei den Ausstellungen zu sehen. Hoffentlich, finden sich Züchter, die sich dieser Farbenschläge annehmen, ohne dass dabei die Weißbindigen wieder in der Versenkung verschwinden, aus der sie gerade zu entweichen versuchen.

Rote und gelbe Süddeutsche Weißschwänze gibt es in der Realität nur ohne Binden und mit einer möglichst satten und gleichmäßigen Farbe. Während die Roten vor allem bei Süddeutschen Ausstellungen im Kommen sind, fehlt es den Gelben an den aktiven Züchtern. Die Weißschwanzzeichnung scheint recht konstant zu sein, nur die Schwingenfarbe und das leidige Problem der haarigen Feder bereitet noch Kopfzerbrechen. Dass die Züchter aber auf dem richtigen Weg sind, zeigten die hohen Noten der vergangenen Ausstellungsjahre.
Anzufügen wäre, dass man bei den Täubinnen im roten Farbenschläg etwas Pigment im Schnabel tolerieren muss. Dieses Zugeständnis wurde bei der letztjährigen Standardüberarbeitung gemacht und sollte den Aufwärtstrend der roten Süddeutschen Weißschwänze weiterhin fördern.

Der farbenprächtigste und trotz seiner immensen Zuchtschwierigkeiten wohl verbreitetste Farbenschlag der Süddeutschen Weißschwänze, ist der Kupferne.
Seit altersher gebührt dem kupfernen Weißschwanz bei den Ausstellungen und in der Literatur schon immer eine Sonderstellung. Das dies so bleibt, wünscht man sich beim Anblick dieser herrlichen Farbentauben. Die Grundfarbe soll so lackreich und schwarz wie nur möglich sein, doch kann man nicht ganz die Forderung wie beim schwarzen Farbenschlag stellen. Die Flügelschilder wünscht man sich satt und glanzreich kastanienbraun (kupfer), wobei jede Feder mit einer feinen schwarzen Pfeilspitze versehen sein muss. Im Schulterbereich, hier ist das Gefieder weicher, tendiert die Pfeilspitze mehr zur Säumung, was zu tolerieren ist. Wie bei der Silberschuppe auch, ist die Täubin etwas gröber in der Zeichnung, so dass sich gerne bläuliche Aufhellungen in den Pfeilspitzen zeigen, was auf einen Pigmentschwund der Grundfarbe zurückzuführen ist. Um dieses, nicht gerade schöne Merkmal zu umgehen, sind die Sonderrichter darüber eingekommen, bei der Täubin etwas Kupferanflug in der Haube zu tolerieren. Als Krönung des Ganzen muss jede Handschwinge über einen kupferfarbenen Finkungspunkt verfügen, wobei darauf zu achten ist, dass diese nicht zu länglich werden und damit den Eindruck des „Zusammenlaufens“ erwecken.

Dass es bei solchen extrem gezeichneten Farbentauben nur zu einfach wäre, Fehler zu finden, scheint dem Eingeweihten in der Farbentaubenzucht verständlich. Suchen wir also keine Fehler sondern erfreuen uns an den Kostbarkeiten, die uns die Züchter Jahr für Jahr bei den Ausstellungen präsentieren.

Wenn sich nun jemand zur Zucht Süddeutscher Weißschwänze aufgerufen fühlt und es sich zutraut, trotz mancher zu erwartender Rückschläge, diese alte süddeutsche Farbentaubenrasse in das nächste Jahrtausend zu führen, der wird sicher nicht enttäuscht, denn Süddeutsche Weißschwänze sind äußerst fruchtbare und unkomplizierte Rassetauben, die auch im Freiflug ideal gehalten werden können und erst dort ihre wahre Faszination zeigen.

Wilhelm Bauer

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Datum: Dienstag, 1. März 2011 22:09
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